Zu diesem Thema wird viel behauptet, in beide Richtungen. Diese Seite ordnet ein: was man weiß, was noch offen ist und was gerade untersucht wird.
Ich schreibe das nicht als Verkäufer, sondern weil es zu meinem Fach gehört. Wer Piercings setzt und für eine wissenschaftliche Untersuchung hinzugezogen wird, muss den Forschungsstand kennen — sonst arbeitet er ins Blaue.
Die Vorstellung, dass sich über die Ohrmuschel etwas beeinflussen lässt, geht auf den französischen Arzt Paul Nogier zurück, der sie in den 1950er Jahren beschrieb. Er entwarf eine Karte, auf der Bereiche des Ohrs Bereichen des Körpers zugeordnet sind. Daraus entstand die Ohrakupunktur.
Die Übertragung auf Piercings ist deutlich jünger und kam nicht aus der Forschung. Sie verbreitete sich über soziale Netzwerke: Einzelne Menschen berichteten, dass sich ihre Migräne nach einem bestimmten Ohrpiercing gebessert habe, andere probierten es aus, und daraus wurde ein Trend.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine Methode, die aus Erfahrungsberichten entsteht, kann trotzdem funktionieren — aber sie hat den Nachweis noch vor sich, nicht hinter sich.
Im Netz tauchen für Ohrpiercings Namen auf, die eine Wirkung nahelegen: Migränepiercing für das Daith, Abnehmpiercing für das Tragus, Allergiepiercing für ein Piercing an der Ohrspitze. Diese Namen stammen nicht aus der Forschung, sondern aus der Ohrakupunktur und aus Erfahrungsberichten. Ob ein Piercing an diesen Stellen etwas bewirkt, ist noch offen. Genau das untersucht die Studie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, an der ich mitgearbeitet habe.
Bisher wenig, und genau deshalb braucht es Studien. In den medizinischen Fachdatenbanken findet sich zu diesem Thema nur eine Handvoll Arbeiten, und der größere Teil davon sind Einzelfallberichte — Schilderungen einzelner Patienten, keine Untersuchungen an Gruppen.
Ein Einzelfallbericht beschreibt, was bei einer Person passiert ist. Er kann eine Frage aufwerfen. Er kann nicht zeigen, dass etwas wirkt, weil niemand weiß, was bei derselben Person ohne den Eingriff passiert wäre.
Zum Vergleich: Die klassische Akupunktur ist deutlich besser untersucht. Dort zeigt sich unter anderem, dass Nadeln an anderen als den vorgesehenen Stellen oft ähnliche Ergebnisse bringen. Ob bei Piercings die genaue Position entscheidend ist, gehört deshalb zu den offenen Fragen.
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft rät von Piercings zur Migränebehandlung ab. Sie nennt dafür zwei Gründe: Es fehlt der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis, und es bestehen gesundheitliche Risiken — insbesondere verzögerte Wundheilung und Entzündungen des Ohrknorpels.
Der zweite Punkt ist handwerklich, und er ist berechtigt. Knorpel heilt langsamer als Ohrläppchen, und eine Entzündung im Knorpel ist eine ernste Sache. Deshalb steht auf meiner Pflegeseite ein eigener Abschnitt dazu, woran man sie erkennt und wann man zum Arzt geht.
Die Fachgesellschaft fordert einen Nachweis. Das ist berechtigt, und genau daran habe ich mitgearbeitet.
Dieser Teil wird fast überall weggelassen. Ich lasse ihn drin, weil er erklärt, warum es eine Studie braucht.
Erfahrungsberichte gibt es viele. Für eine gesicherte Aussage reichen sie allein nicht aus. Dafür gibt es vier Gründe:
Migräne verläuft in Wellen. Menschen suchen Hilfe meist dann, wenn es besonders schlimm ist. Danach wird es häufig ohnehin besser — nicht wegen der Maßnahme, sondern weil die schlechte Phase vorbei ist. In der Statistik heißt das Regression zur Mitte.
Wer überzeugt ist, dass etwas hilft, erlebt häufiger eine Besserung. Das ist kein Einbilden und keine Schwäche, sondern ein messbarer Effekt. Er tritt bei allen Verfahren auf, besonders stark bei solchen, die sichtbar und einmalig sind.
Wem es geholfen hat, erzählt es weiter. Wem es nichts gebracht hat, schweigt meistens. In Erfahrungsgruppen und Bewertungen sammeln sich deshalb die Erfolge. Die Misserfolge stehen nirgends.
Fast niemand ändert nur eine Sache. Wer sich piercen lässt, nimmt sich das Thema oft insgesamt vor: Schlaf, Medikamente, Stress. Was davon gewirkt hat, lässt sich hinterher nicht mehr trennen.
Deshalb gibt es Kontrollbedingungen. Man vergleicht nicht vorher mit nachher, sondern eine Gruppe mit einer anderen — oder dieselbe Person über eine Wartezeit hinweg mit sich selbst. Erst dann lässt sich sagen, ob der Unterschied vom Eingriff kommt.
Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim wurde genau diese Lücke angegangen. Für den praktischen Teil wurde ich als Piercer gefragt.
Der Aufbau war so angelegt, dass die Einwände von oben zumindest teilweise auffangbar sind:
Der letzte Punkt ist der wichtigste. Ich habe gestochen. Was die Zahlen hergeben, entscheiden andere.
Die Erhebung ist abgeschlossen, die Veröffentlichung steht aus. Sobald sie vorliegt, steht sie hier — unabhängig davon, was darin steht.
Wer dir heute eine Wirkung verspricht, kennt entweder den Forschungsstand nicht oder übergeht ihn. Beides sollte dich stutzig machen.
Kopfschmerz hat viele mögliche Ursachen, von denen manche nichts mit dem Kopf selbst zu tun haben. Das abzuklären ist Sache einer Ärztin oder eines Arztes, nicht meine.
Was ich zusagen kann, ist Handwerk: eine Position, die gemessen und angezeichnet wird, eine sterile Einwegnadel, Material, das für frisches Gewebe gemacht ist, und eine Nachsorge, die du schriftlich bekommst und für die ich erreichbar bleibe.
Das ist keine kleine Zusage. Die meisten Probleme, die mir gezeigt werden, kommen nicht von der falschen Erwartung, sondern von schlecht gesetzten Piercings.
Woran du gute von schlechter Information unterscheidest
Es geht seltener um Lügen als darum, wie Information gefiltert wird, bevor sie bei dir ankommt.
Eine Empfehlung von jemandem, den du kennst, wiegt mehr als jede Anzeige. Sie kostet den, der sie ausspricht, etwas — seinen guten Ruf, falls sie danebenliegt. Eine Anzeige kostet nur Geld.
Stand: September 2026. Diese Seite wird aktualisiert, sobald neue Ergebnisse vorliegen. Sie ersetzt keine ärztliche Beratung.